Willkommen, Widerspruch, du wirkst belebend!

[51] OÖN 19. April 2012 

Mit dem Titel „Konsulent“ dankt das Land für ehrenamtliches Wirken. Anerkennung als Lohn, denn all die Fleißigen angemessen zu bezahlen, könnte sich niemand leisten. Die Verleihung von Auszeichnungen im Landhaus gab Anlass für kritische Betrachtung der Rolle führender Funktionäre wie auch des Zusammenspiels von „Kulturbetrieb“ und Politik.

In vielen Kulturmenschen stecken politische Nachdenker, Vordenker, Querdenker. Sie treffen auf Politbeamte, die Hierarchien geradlinig durchlaufen und daher die Abläufe in den Machtzentren kennen. So geraten sie in den Besitz der Gebrauchsanweisung, sie wissen, wann welcher Knopf zu drücken, welcher nächsthöhere Amtsträger zu fragen ist. Des Nein-Sagens entwöhnt, sind sie verlässliche Erfüllungsgehilfen ihrer Chefs. Diese wiederum sollen nicht bloß vorsitzen, sondern vorangehen und ihr Unternehmen – die Firma, den Verein, das Land – in die Zukunft führen. Geht das mit lauter folgsamen, keinen Widerspruch wagenden Mitarbeitern? Oder wären doch auch Querdenker gefragt?

Kulturmenschen in Führungspositionen verstehen zu gestalten. Ihnen anvertraute Inhalte sind tausendmal wichtiger als Organisationsstrukturen. Musik, Film, Dichtung, Denkmäler, Brauchtum… – alles hat Vorrang vor Funktionen, Statuten, fristgerechten Ansuchen. Wer im Bekleiden einer Funktion erstarrt, gehört abgewählt, denn er ist nur noch eine Trachtenkleiderpuppe mit Ehrenzeichen auf der Brust. So treten Veteranen auf. Wer in einer Position verharrt, obwohl ihn jede Weiterentwicklung überfordert, macht sich schuldig am gemeinsamen Anliegen.

Zum Respekt vor dem Ererbten gehört auch Offenheit für das, was unsere Urenkel dereinst bewahren sollen: das heute Neue. Selbst wenn es manche verstört – willkommen, Widerspruch, du wirkst belebend! Das Schräge, das Umwerfende, das „Unmögliche“ gehört erprobt. Wie sehr wurden Schostakowitsch, Beatles, Picasso, Jandl, Hrdlicka verteufelt, verachtet, von der Kritik in Grund und Boden gestampft. Heute kennt keiner mehr ihre Kritiker.

Lassen wir das Neue nicht nur zu, fordern wir es! Auch die Volkskultur braucht ständige Erneuerung, wenngleich vielleicht nicht so dringend wie die Politik.