Zwischen Rausschmiss und “in Liebe begegnen”

[26] OÖN 19. Mai 2011

Wie viele offene Worte verträgt dieses Land? Soll man unverblümt aussprechen, wovon man überzeugt ist? Münzen wir Treichls Politikerbeschimpfung auf den Kulturbetrieb um: Warum sollte der Theaterregisseur einen Möchte-gern-Schauspieler, der sich keine Texte richtig merken kann, nicht als „blöd“ bezeichnen?
Man wird doch einen Funktionär öffentlich als „feig“ kritisieren dürfen, der sich nicht traut, die Auszahlung zugesagter Förderungen einzufordern. Und jemand, der sich im Vereinsrecht nicht auskennt, darf sich nicht beschweren, wenn er als „ahnungslos“ bloßgestellt wird! Wir sehen, für „blöd, feig, ahnungslos“ ließe sich oft der Wahrheitsbeweis erbringen. Dennoch: Des ghört si net. Schon gar nicht in der Volkskultur.

Mit einer leidenschaftlichen Wortmeldung bei der Jahrestagung im Stift Reichersberg trat Amateurtheater-Doyen Helmut Ortner dafür ein, jede und jeden, auch wenn sie untalentiert sind, in der Volkskultur mitwirken zu lassen, wenn sie nur wollen. Manche der Versammelten atmeten hörbar durch ob dieser These. Widerspruch war spürbar im Raum, artikulierte sich aber noch nicht.
In einem Chor soll also auch mitsingen dürfen, wer zwar nicht singen kann, es aber gerne tut. Zu dieser provokant anmutenden Forderung lächelt ein erfahrener Chorleiter: „So machen wir’s schon immer. Wir weisen niemanden ab. Hoffnungslose Fälle geben irgendwann eh von selbst auf.“ Anfangs aber werde jeder Interessierte mit offenen Armen empfangen und vom Chorleiter langsam an das gewünschte Niveau herangeführt. Schließlich werde er selbst spüren, ob er in die Singgemeinschaft hineingewachsen ist und mithalten kann. Manche hören wieder auf; andererseits haben sogar heutige Stützen mancher Chöre damals, als sie dazu kamen, kaum einen Ton richtig getroffen.  
    
Niemand wird hinausgeschmissen. Der weise Hans Samhaber sagt: „Denen, die etwas noch nicht können, sollen wir in Liebe begegnen.“ Dann werden sie’s schon lernen. Freundliche Nachsicht ist die Erfolgsbasis der Volkskultur, einer Seelenverwandten des Breitensports. Bei jedem Fußballverein kicken auch beidbeinig Linksfüßige, viele Hobby-Läufer schleppen sich mühsam vorwärts, für manchen Schwimmer sind 200 m eine Langstrecke – aber sie alle betreiben ihren Sport mit Freude. Darauf kommt es an. 
In gleicher Weise erwarten wir von einer Volkstanzgruppe keine Perfektion, die Hackbrettspielerin darf manchmal eine falsche Saite anschlage. Der beim Marschieren, aber nicht im Benehmen Taktlose schadet keiner Bürgergarde, ein Reim- und Rhythmuspolterer bringt die Mundartdichtung nicht um. Sie alle dürfen nicht nur mitmachen, sie sollen sogar. Ohne sie würde das gesamte Vereinsleben zusammenbrechen. Daher ist keiner blöd, der etwas vergessen hat, und den Ahnungslosen können wir ja helfen, statt ihnen „weiterzuhelfen“.

Danke, Helmut Ortner, für Ihren Gedankenanstoß. Wir wollen lieber streichln als treichln.