Der unbekannte Stelzhamer
AUS MEINEM BÜCHERSCHRANK
Artikelserie von Heinz Forstinger
Vorstandsmitglied des Stelzhamerbundes
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Folge 8, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, Jänner 2012:
Es war also kein Geld von Antonia zu erwarten. Das Studium hatte er abgebrochen. Was er vorzuweisen hatte, war eine verbriefte Befähigung, als Hauslehrer zu agieren. Das war aber sicherlich nicht das, was seinen Neigungen entsprach. 1828 war er in dieser Funktion bei einem Apotheker in Wien. 1829/30 bekam er eine Stelle als Nachhilfelehrer bei der Familie eines Postmeisters in Bielitz in Schlesien, das heute zu Polen gehört. Doch das waren nur kurze Episoden im Leben Stelzhamers, die nicht lange währten. Zurück in Wien, verkehrte er in Künstlerkreisen, hielt sich mit kleinen Beiträgen in Zeitungen so recht und schlecht über Wasser. In Wien studierte auch Sylvester Wagner, ein ehemaliger Schulkollege aus Salzburg. Auch der ein armer Student, wurde von einer Bürgerfamilie öfters zum Nachtmahl eingeladen. Die Reste des Essens durfte er mitnehmen, die er dann mit Stelzhamer teilte. Ein untragbarer Zustand! Zu dieser Zeit dichtete er:
Die Armut wuchs so groß,
Daß mir vom alten Rock
Die Knöpf’ und Heften reißen los,
Daß Knauf und Stachel an dem Stock
Dem Schacherjuden ward zutheil -
Und selbst der Prügel wär’ mir feil.
Dieses Gedicht, das eine fast dramatische Situation schildert, habe ich in einem Lebensabriss Franz Stelzhamers zitiert, veröffentlicht im Jahresbericht 2001/2002 des Bundesgymnasiums Ried im Innkreis.
In dieser verzweifelten Situation entschloss er sich, dem Wunsch der Eltern folgend, zum Theologiestudium. Konnte das gutgehen? Nein, nach zehn Monaten war es Vergangenheit. Im Gedicht „Der Externist“ schreibt er:
Sitze ich in meiner Collegen Reih’n,
So ist mir, ich sollte nicht drunter sein;
Ich bin nicht zu gut, ich bin nicht zu schlecht,
Nur eben nur ganz und gar nicht recht!
Daran war die „holde Weiblichkeit“ schuld, die sicherlich in konkreter Person vorhanden war. Hans Commenda führt in seiner Stelzhamerbiografie „Franz Stelzhamer – Leben und Werk“ (1953, OÖ. Landesverlag) das Gedicht „Noviz-Lied“ an, das deutlich macht, wie sehr Stelzhamer „gekämpft“ hat:
Macht mir die Augen blind und reißt mir geschwind
Das Herz und den Arm aus dem Leib;
Sonst kann ich das liebliche Weib nicht hassen, nicht lassen;
Muß folgen mit sonnigen Blicken der Wonnigen –
Muß, muß sie umfassen!
Eine unangekündigte Prüfung brachte das Ende für die angestrebte Theologenlaufbahn. „Sie scheinen nicht studiert zu haben“, warf ihm der Professor vor. Darauf Stelzhamer: „Wenn ich nichts studiert habe, so bin ich hier überflüssig.“ Er verneigte sich und ging.
Aus dieser Zeit sind lose Tagebuchblätter erhalten, die den von sich eingenommenen Menschen erkennen lassen, der sich ganz und gar zum Künstler und Schriftsteller berufen fühlt. Wir lesen:
„Ich bin Poet und will es bleiben immerdar! Will mutig und unverdrossen hinwandeln durch den düstren Wald der drohenden Gesichter, über die Klippen und Abgründe der Mißgunst, unter den grauen Nebeln des Ingrimms; rasch vorbei an den Lockungen des bürgerlichen Glücks, hindurch durch das Gesurm und Gesäuse der Ähnlichen bis hin an den strahlenden Fels des Nachruhms – auf seinen Höhen zerschlage ich mein morsches Gebein und wirf es zurück auf die mütterliche Erde – und – das weitere tut Gott!“
Mit dieser visionären Lebensplanung Franz Stelzhamers will ich heute meinen Bücherschrank schließen.
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Folge 7, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, Oktober 2011:
Antonia Nicoladoni, die früh Verwitwete, Stelzhamers Toni-Tora, hatte also wieder Kontakt mit dem einstigen Backfischschwarm Franz. Sie musste aber erkennen, dass der gute Franz Stelzhamer zwar ein liebenswürdiger, intellektueller Feuerkopf war, den Alltagspflichten aber ziemlich untauglich gegenüberstand. Das befremdete sie sicherlich, denn ihre Welt war vor und in der verflossenen Ehe das gesicherte Bürgertum. Stelzhamer, der inzwischen in Wien sein Jurastudium fortzusetzen versuchte, anfangs auch mit gutem Erfolg, litt ständig unter Geldnot. Geld hatte bei ihm eine kurze Verweildauer. Da war es nicht verwunderlich, dass auch Antonia von ihm um finanzielle Unterstützung gebeten, man könnte auch sagen angegangen, wurde. Aber die jugendliche Witwe Antonia Wittmann war diesen Bitten gegenüber taub. Lesen wir dazu in der Stelzhamerbiografie von Franz Braumann, „Franz Stelzhamer – Leben und Dichtung“ (OÖ. Landesverlag, 2. Auflage 1974):
Auch von seiner geliebten Toni in Salzburg kam keine Hilfe, als er sie mehrmals um Geld anflehte. Seine Enttäuschung darüber ließ auch das Liebesfeuer erkalten. In einem späteren Brief an sie schreibt er: „…mit nächster Post Hilfe, oder kein Wort mehr von dir!“
Somit bestand vorerst kein Kontakt mehr zwischen den beiden. Antonia heiratete in der Folge wieder, Franz ging seinen gewundenen, von ständiger Geldnot gezeichneten Lebensweg weiter. Als er Jahre später selbst Witwer geworden war und seinen Wohnsitz in Salzburg aufgeschlagen hatte, bahnten sich wieder Kontakte mit der Familie von Antonia an. Sie war die Frau des Domorganisten Tremml und mehrfache Mutter geworden. Während dieser Besuche bei der Familie Tremml verliebte sich die älteste Tochter von Antonia, Hermine, in den vierundfünfzigjährigen Stelzhamer. Als die Mutter merkte, was sich anbahnte, wies sie Franz aus dem Haus. Doch die schwärmerische Hermine suchte die Nähe von Stelzhamer und der wehrte sie nicht ab. Es kam zu intimen Kontakten, die in einer Totgeburt endeten. Vielleicht hat der verletzte Stolz Stelzhamers, von dem man bei seinem Alter mehr Beherrschung voraussetzen hätte dürfen, diese Verbindung gefördert. Es gibt ein Gedicht in seinem Lyrikband „Liebesgürtel“, das in dieser Hinsicht diese Vermutung zulässt.
Im Vorwort zum erwähnten Buch „Liebesgürtel“ schreibt 1875 Herausgeber Dr. Egger-Möllwald*: „Mit schuldiger Pietät gegen den Genius des Dichters habe ich versucht, aus dem bereits gedruckten und dem handschriftlichen Materiale eine einheitliche Sammlung herzustellen, welche geeignet wäre, den oberösterreichischen Poeten dem Herzen des gesammten deutschen Publikums näher zu bringen.“
Ich denke, dieses kompromittierende Gedicht hätte unveröffentlicht im Nachlass verbleiben sollen.
*) Dr. Friedrich Ritter v. Egger-Möllwald, Kustos der k. k. Hofbibliothek in Wien
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Folge 6, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, Juli 2011:
Hoffnungsloses Verliebtsein kann einem empfindsamen Menschen schwer zusetzen und ihn aus der Bahn werfen. Mancher Suizid geht darauf zurück – und kann von abgeklärten Älteren nicht (mehr) verstanden werden. Nein, Selbstmord beging er nicht, der Franz Stelzhamer. Aber gelitten hat er sehr, das beweisen seine Gedichte. Hier eine Probe aus seinem Band „Liebesgürtel“, der seine hochdeutschen Gedichte enthält und 1876, also posthum, im Verlag von Gustav Heckenast, Preßburg und Leipzig, erschienen ist.
Ich habe keine Rast und keine Ruh‘
Ich habe keine Rast und keine Ruh‘,
Denn meine Rast und Ruh hast Holde Du.
Ich finde nirgends Friede, nirgends Freud’,
Allein bei Dir ist Lust und süßes Leid.
Dein Hauch, Dein Blick weckt Blumen überall,
Dein Gruß gibt tausendfachen Wiederhall.
Darum gefällt mir nichts in aller Welt,
Wo Du nicht bist, weil stets das Schönste fehlt.
Allein bei Dir, mein Lieb, bei Dir allein,
Sonst lieber tot oder ungeboren sein!
Zeit heilt bekanntlich Wunden, auch die, die unglückliche Liebe schlägt. Nach seinem schulischen Abschluss in Salzburg ging Franz Stelzhamer zum Studium der Rechtskunde nach Graz, dort lebte ja sein Bruder Peter. Der Hallodri, der im jungen Stelzhamer steckte, war diesem Studium nicht förderlich. Lesen wir bei Hans Commenda, in „Franz Stelzhamer – Leben und Werk“, OÖ Landesverlag, 1953:
„Zum Liebesschmerz um Antonie gesellte sich bald drückende Geldnot. Als richtiger Bruder Leichtsinn nahm Stelzhamer solche Bürde anfänglich zwar auf die leichte Achsel: ‚Zu Kummer und Sorgen sag ich voll Güte heut: Ei, komm doch morgen, heut hab ich keine Zeit!‘“
Inzwischen war „seine“ Toni-Tora eine ganz junge Witwe geworden. Commenda schreibt:
„Zu solchen Daseins- und Studiensorgen traten nun neue Herzensnöte. … Somit war Toni, die erste und heißeste Liebe Stelzhamers, wieder frei geworden. Nach anfänglichem Widerstreben nahm Franz die seit sieben Jahren erkalteten Beziehungen zu seiner Tora wieder auf und war ihr bald neuerlich mit Leib und Seele verfallen.“
Josef Karl Dittrich beschreibt in seinem Stelzhamer-Lebensroman „Toni-Tora“, der 1931 im Verlag „Das Bergland-Buch“, Graz erschien, in einer wohl zu phantasievollen Form das erste Wiedersehen. Nach einem fiktiven, zufälligen Zusammentreffen der beiden in Salzburg lässt er das Geschehen so ablaufen:
„Toni fühlte die Hilflosigkeit, die Scham ihres Freundes und ging über alles hinweg, tat, als säße er blühend in Galakleidern an ihrer Seite. Sie fühlte nur Mitleid mit ihm und große Zufriedenheit, ihn wieder zu haben. Diese innere Lust flackerte in den Augen, dazu wurde der Kobold in ihr wieder wach. Sie schielte hinüber zu ihm und fragte: ‚Bist du mir böse, daß ich dich nicht hab ausreißen lassen, du Schlimmer?‘ Als er keine Antwort gab, bat sie: ‚Bitte Franzl, deine Hand reich mir herüber. Wenn du mich auch sonst nicht leiden kannst, deine Hand nur, die kannst du mir schon geben.‘ In Franzl spukte Liebe und Scham ärgerlich durcheinander. Reichte schließlich doch die Hand hinüber, die sie begierig ergriff.“
Es wird wohl nicht so theatralisch stattgefunden haben, dieses erste Wiedersehen. Mit Sicherheit war diese Antonia nicht mehr der verliebte Backfisch von einst, sondern lebenserfahren, trotz ihrer Jugend.
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Folge 5, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, April 2011:
Da war es also auch über Franz Stelzhamer gekommen, dieses unerklärliche Gefühl, das man Liebe nennt, für das es keine wissenschaftliche Erklärung gibt und das letztlich ein Produkt des Zufalls ist. Hätte Stelzhamer in Linz das Gymnasium besucht, hätte er sich eben dort verliebt. Und wie sehr er sich verliebte, das durchzieht sein dichterisches Werk an vielen Stellen. Leider war die Angebetete aus gutbürgerlichem Stand, was natürlich ein Problem darstellte – er war nicht ebenbürtig. Antonia Nicoladoni hieß das junge Fräulein, das ihm nicht aus seinem jugendlichen Kopf gehen wollte und das sehr wohl auch Gefühle für Franz empfand, die, darf man annehmen, auch für Antonia Neuland waren.
Von neugierig-empfindsamem Hingezogensein zur „Weiblichkeit“ lesen wir auch in seiner Schilderung „Groß-Piesenham“. Die findet sich unter anderem im 1906 von Max Burckhard im „Wiener Verlag“ herausgegebenen Buch „Franz Stelzhamer – Charakterbilder aus Oberösterreich“, das mit einem Geleitspruch von Gerhard Hauptmann eingeleitet wird. Als heranwachsender Jugendlicher kommt Franz nach Großpiesenham und trifft einen ehemaligen Schulkameraden. Abends durch das Dorf schlendernd, treffen sie eine Gruppe gleichaltriger Mädchen. Nach anfänglichem Geplänkel wandern sie gemeinsam weiter, wobei zwischen Franz und der ehemaligen Mitschülerin Anna Zweimüller, inzwischen eine schwarzäugige Lieblichkeit geworden, zarte Gefühle wach werden. Er schreibt:
„Aber sonderbar! Anna, die frommstille Anna, zog ihre Hand nicht wieder an sich, sie ließ sie im Gegenteil, als hätte sie darauf vergessen, in der meinigen liegen und so schlenderten wir selbander hinein ins wogende Meer des ausgegossenen Mondlichtes.“
Das Abschiednehmen wurde dann leider durch einen Schabernack ihrer früheren Begleiter jeder Romantik beraubt und auch gehörig gestört. Wir lesen:
„So standen wir an der Ecke des Stadels noch eine geraume Weile, da – jetzt wußt‘ ich es deutlich, weiß es auch jetzt noch – Anna hatte ihre Hand auf meine Schulter gelegt, ihre schwarzen Augen hatten sich vom Mondlicht ganz vollgeschöpft und glänzten wunderbar – … da – kicherte es von der unteren Ecke des Stadels herauf – Annas Hand zuckte weg von meinen Schultern … . „Zu spät!“ seufzte Anna – es war ein gar wehmütiger Ton.“
Zurück zu Antonia, von Stelzhamer „Toni Tora“ genannt. Die oberösterreichische Schriftstellerin und Malerin Trude Payer (1901-1963) hat im Roman „Herz und Welt“, in dem sie das Leben Franz Stelzhamers schildert, natürlich auch die junge Liebe zwischen Franz und Antonia aufgegriffen. Den störenden Einfluss der erziehenden Tante schildert sie so:
„Was für eine barbarische Sprache der Bursche spricht, rügte sie, als Franz am ersten Abend gegangen war. „Oh, mir gefällt sein Dialekt! Er klingt so urwüchsig, riecht förmlich nach Landschaft, nach Blumen und Wald!“ wandte Toni ein. – Zum Schluß gewöhnst du dir auch noch so eine bäuerische Art zu sprechen an!“
Mag sein, dass es tatsächlich ein ähnliches Gespräch zwischen den beiden gab. Erwiesen ist, dass die Tante ihre Nichte dadurch aus dem Einflussbereich von Franz Stelzhamer brachte, indem sie Antonia den „Englischen Fräulein“ des Klosterpensionats St. Zeno bei Reichenhall zur Erziehung anvertraute. Das Mädchen sollte standesgemäß heranwachsen. Aber „Toni Tora“ sollte nicht für immer aus dem Leben Franz Stelzhamers verschwinden, sein Werk beweist es!
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Folge 4, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, Jänner 2011:
Mit dem Eintritt ins Gymnasium in Salzburg begann für Franz Stelzhamer im Oktober 1815 ein entscheidender Lebensabschnitt. Zusammen mit seinem Bruder Peter wohnte er in der Steingasse* 26, im 3. Stock beim Weißgerber Pichler, in einem engen Gässchen zwischen Kapuzinerberg und Salzach, also fast im Zentrum. Im Gegensatz zu seinem Bruder war Franz bald eine schulische Leuchte. Ein verständnisvoller Lehrer, der Weltpriester Martin Süß, erkannte die Begabungen des Schülers Franz Stelzhamer und förderte ihn nach Gebühr. In einem Brief an diesen Professor schrieb er nach 20 Jahren: „…hatte ich das Glück, des besten und geliebtesten Professors Wohlwollen zu gewinnen; in gleicher Freudigkeit erwachte Fleiß und Talent…“.
Damals war die Sitzordnung in den Klassen nach Können ausgerichtet; bald saß der Franz am Ehrenplatz, also am Ecksitz. Nach Ende des ersten Schuljahres, am 21.8.1816, wurde eine öffentliche Zensurverlesung abgehalten. Über Franz Stelzhamer lautete sie so: „Dieser Knabe ist nicht nur eine Zierde seiner Klasse, sondern er möge der ganzen anwesenden Jugend als Muster der Nacheiferung dienen! …“ Im gedruckten lateinischen Jahresbericht hieß es dann: „Praemio donati sunt: locus ex profectu per annum: I. Franciscus Stelzhamer, Schildorn, Austriacus.“ Mit einer solchen Auszeichnung war das Heimwandern ein Leichtes. Nach kurzer Zeit der Erholung daheim, machten sich Franz und Peter auf zum „Viatizieren“. Das war eine größere Wanderung durch die Lande, bei der man sich als „Student“ mit gutem Zeugnis vorwiegend bei Pfarreien und in Klöstern durchschlug. In München trennte sich Franz von Peter, da dieser aus der Wanderung eine Bettelreise machte, er aber Kenntnisse und Eindrücke sammeln wollte. Besonders die Gemäldesammlungen hatten es ihm angetan.
Am Beginn des neuen Schuljahres gab es einige Veränderungen. Der Schulbetrieb war der österreichischen Praxis angepasst, das hieß: vier Klassen Unterstufe, zwei Klassen Oberstufe und zwei Philosophieklassen für zukünftige Hochschüler.
Die Salzburger Adresse der Brüder Stelzhamer hatte sich auch geändert, sie wohnten jetzt bei der Malerwitwe Apollinia Müller, Getreidegasse 306, 4. Stock. Die Wohnhäuser des Schülers Stelzhamer sind heute natürlich nicht gekennzeichnet – im Gegensatz zum Wohnhaus, in dem er als reifer Mann wieder einige Zeit in Salzburg lebte, in der Nähe der Müllner-Kirche, an der Müllner-Hauptstraße Nr. 17. Am Haus weist eine Tafel darauf hin.
Nach dem Schuljahr 1817/18 verließ sein Bruder Peter unfreiwillig das Gymnasium in Salzburg, ging nach Graz und wurde Lottokollektant. Jetzt fehlte für Franz die Leitfigur, was sich schulisch negativ auswirkte. Außerdem wird auch die Pubertät zum Leistungsabfall beigetragen haben. Sein Leben, bisher in geregelten Bahnen, verlor sein Gleichmaß, er wechselte oft die Unterkunft. Seine schulische Verschlechterung begründet er mit einer „jähen Veränderung im Studienplane…“.
In der Oberstufe, er war jetzt 18 Jahre alt, gab es dann auch einige „Genügend“ und, vielsagend, „minder entsprechend“ im „sittlichen Betragen“! Warum das? Stelzhamer war des öfteren in Gast- und Kaffeehäusern beim Kartenspiel gesehen worden. Das Entscheidende für diese Veränderung dürfte aber die „Entdeckung der Weiblichkeit“ gewesen sein, die ihn damals und lebenslang umtrieb!
Seinem ersten, sein Leben prägenden Verliebtsein soll die Fortsetzung gelten.
*) Steingasse: Die heutige Nr. 26 liegt außerhalb des „Inneren Steintores“, ab dort hieß es damals „Am Stein“. Durch die Gerüche der dort angesiedelten Gerbereien und wegen der Funktion als Einfallsstraße aus dem Süden galt die Steingasse als ärmlicher Bezirk. Kein Wunder, dass dort auch schon ein Bordell angesiedelt war. Der Textdichter von „Stille Nacht, Heilige Nacht“, Joseph Mohr, wuchs im Haus Steingasse Nr. 31 auf, und Heinrich Waggerl wohnte mehrere Jahre im gleichen Haus wie Franz Stelzhamer, dem heutigen „Lanz-Haus“. Fotos: Heinz Forstinger
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Folge 3, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, Oktober 2010:
Wenn ich meinen ersten Schultag beschreiben müsste, ich würde kläglich scheitern – daran habe ich keine Erinnerung mehr. Auch viel aus meiner weiteren Schulzeit ist in der Versenkung verschwunden. Anders ist das bei Franz Stelzhamer. Der hat in seinem Buch „Die Dorfschule“, es wurde 1876 von Egger-Möllwald herausgegeben, in lebhaften Bildern dieses für ihn „gewaltige Ereignis“ geschildert.
In weiterer Folge lässt er den Leser teilhaben an seinem Schulbesuch, wobei sich vieles vom Erzählten auf dem Weg von und zur Schule abspielt. Hören wir ihm zu, wie seine Mutter, sie hatte ihn wegen seiner Zartheit ohnehin um ein Jahr zurückstellen lassen, unnachgiebig gegenüber ihrem Liebling sein musste. „Das sonst weiche Mutterherz – aus Liebe zum Kind – erhärtete, des Bübleins Tränen flossen zum erstenmal umsonst …“, so berichtet er.
Nachdem er tränenschwer das Klassenzimmer betreten hatte, wurde sein kleines Herz gleich leichter, als er von den Kindern aus seinem Dorf herzlich begrüßt wurde. Auch die Güte des Lehrers nahm ihm die erste Scheu. Stelzhamer lässt den „Fritz Blasewitz“, so nennt er sich in seiner Schilderung, als empfindsames Kind, das er wohl war, erscheinen.
Die im vorherigen Beitrag (Juli 2010) angesprochene Tierliebe klingt auch hier wieder an. Er entdeckt beim Weg zur Schule ein Vogelnest mit Nestlingen. Er schreibt darüber: „Die kleinen Vöglein aber wurden schnell größer, wurden flaumig, wurden befiedert, wurden flügge und – flogen ab. Das war dann Fritzens erster freier, sorgenloser Tag. Denn nun konnten sie die Buben nicht mehr finden und fangen.“
Eine Seite weiter heißt es: “Die Vogelnester der ganzen Gegend waren ja sein Eigentum, weil er sie alle aufgefunden hatte und bewachte.“ Vom Unterricht, den er als eifriger Schüler sehr ernst nahm, schreibt er an einer Stelle: „Heute war Landkarte. … Diese Landkarte war wieder eine wahre Fundgrube für unseren kleinen wißbegierigen Freund.“
Eine Rechtschreibübung, ein „Diktando“, wie es Stelzhamer nennt, wurde von bloß einem Schüler fehlerfrei, „sine“, verfaßt – von „Fritz Blasewitz“! Er erklärt uns diese fehlerlose Arbeit auch: „Wer Wißbegierde hat, sucht und forscht immer und überall. Der kleine Fritz hatte sie. Von jeher behorchte, besah und belauschte er alles.
Seit er nun gar lesen konnte, las er alles, Geschriebenes und Gedrucktes, was ihm in die Hände fiel.“ Heiter beschreibt er auch den neuen Kaplan, der nach Pramet versetzt worden war. Es war ein Naturmensch, der auf seine äußere Erscheinung wenig Wert legte. Seine große Leidenschaft war die Vogelstellerei. Seine Köchin war eine „Scharfe“, die ihm dieses Vergnügen, wie auch sein ungepflegtes Äußeres schnell abgewöhnte. Den kleinen Fritz schloss dieser Kaplan, weil er dessen Fähigkeiten erkannt hatte, rasch ins Herz.
Die Schulzeit war vorüber und die große Abschlussprüfung hatte „Fritz Blasewitz“ als Bester bestanden. Da stellte ihm der Vater dann die Frage, was er denn werden wolle, und nannte ihm mehrere Berufe zur Auswahl. Er sagt dann zu ihm: „Darum entschließe dich, und das bald, in den Weg gelegt wird dir wie deinen Brüdern – nichts, weder von mir noch von deiner Mutter“. Am nächsten Morgen flüsterte er seiner Mutter ins Ohr: „Studieren mag ich wie der Konrad!“ Die Mutter hinterbrachte es mittags dem Vater; dieser nachmittags dem geistlichen Herrn und – am andern Tag war Fritz Vorbereitungsstudent. Das war er beim Kaplan, der ihm bis zum Übertritt ins Gymnasium in Salzburg die ersten Schritte in der lateinischen Sprache beibrachte. Diese Salzburger Zeit soll das nächste Thema sein.
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Folge 2, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, Juli 2010:
Am 29.11.1802 hallte ein Gewehrschuss durch den kleinen Weiler Großpiesenham. Das war das Zeichen, dass dem Johann Stelzhamer, „Pfeffer“ genannt, Besitzer der kleinen Wirtschaft „Siebengütl“, ein Sohn geboren worden war. Somit begann ein Menschenkind seinen Weg durch ein Leben, das am 14.7.1874 zu Ende ging. Es war der verschlungene Weg eines Begabten, der, um seine Begabung ausleben zu können, manche Härte des Daseins in Kauf nahm. Dass er kein Angepasster war, beweisen seine Worte: „Alles lobn kann i schwerli, und das Tadeln is gefährli, in Gottsnam, gehts wies will, a Schölm ders waiß und schweigt still“.
Das hat ein reifer Mann gesagt. Bis dahin war der Weg noch weit. Das Kind wurde geliebt und wuchs behütet in der überschaubaren Dorfgemeinschaft heran. Durch die Pocken, die er im zweiten Lebensjahr nach schwerer Krankheit überlebte, wurde sein hübscher Blondkopf von zurückbleibenden Narben entstellt; ein schwerer Schlag für die sorgende, liebende Mutter. Das Aufwachsen in der freien Natur des nahen Hausruckwaldes ließ den einfühlsamen, fantasiebegabten Buben empfindsam gegen Pflanzen und Tiere werden. Später schrieb er in dem Gedicht „Drei truzigö Gsanga; 1. ‘s Roßfleisch (hier die ersten zwei von 21 Strophen):
„Fert ham s’ mi gmartert:
Sollt Thierquäler wern,
Und du mein Gott und mein Herr!
Han ´s Gviggat so gern.
Iebl is ´s nöt zun ändern,
Ma wird dazue d’neth,
Do mit Fleiß hai mei Löbta
Kain Keferl datret.
Damit würde sich Stelzhamer heutzutage wohl bei den Tierschützern einreihen! Sein schriftstellerisches Talent, seine Schreib- und Erzählgabe, wird er wahrscheinlich von seiner Mutter geerbt haben. Das Eingebettetsein in die kleine Dorfgemeinschaft schildert er in der Kurzgeschichte „Der Waldwurm“ sehr anschaulich.
In dieser Geschichte, in der eine Menge alltäglicher Gebräuche und allerlei naiver Aberglaube zur Sprache kommen, geht es darum, dass die Frauen des Dorfes mit einer großen Kinderschar zum Beerenbrocken in den Wald gehen. Er und seine Mutter sind die die Hauptpersonen der Handlung, wobei sich sein „Müadal“ beim Fangen eines Untieres (des Waldwurms) todesmutig hervortut. Das Wagnis, dieses „gräßliche“ Tier zu fangen, geht sie ein, weil ihr von einer Nachbarin erzählt wird, dass derjenige, der ein solchen Wesen mumifiziert bei sich habe, die „Preßhaftigkeit“ aller Menschen lindern und heilen könne.
Das Büchlein erschien 1924, von Max Mell (österr. Schriftsteller, 1882 – 1971) herausgegeben, im Rikola-Verlag, Wien. Axel von Leskoschek (österr. bildender Künstler, 1889 – 1976) hat es mit Holzschnitten volkstümlich illustriert.
Auf dieser stimmungsvollen Schwarzweiß-Aufnahme sitzt der Autor der Serie ”Aus meinem Bücherschrank”, Heinz Forstinger, zusammen mit Mutter und Schwester etwa 150 Jahre nach der Geburt Franz Stelzhamers vorm „Vadernhaus“ in Großpiesenham:
Folge 1, erschienen in der Stelzhamerbund-Zeitschrift wortgarten, April 2010:
Der Oberste Befehlshaber der alliierten Streitkräfte in Deutschland „erlaubte“ 1948 den Druck des Schulbuches „Deutsches Lesebuch IV – Lyrik; 5. bis 8. Schuljahr. Im Vorwort steht unter anderem: „…, daß dieses Buch vom erzieherischen oder anderen Gesichtspunkten aus völlig einwandfrei ist. …und es ist zu benutzen, bis Deutschland selbst bessere Schulbücher hervorbringt“.
Dieses Buch enthält die schönsten Gedichte der deutschen Klassik und Romantik. Noch bessere Schulbücher!? Wie sollte da in Österreich anders gedacht werden; wie sollte da ein Stelzhamer noch viel in einem Schulbuch zu suchen haben. Und weil halt die oberösterreichische Landeshymne von ihm ist, wird er bei öffentlichen Anlässen noch „in den Mund genommen“. Aber sonst ist er als Schriftsteller nicht mehr präsent.
Und ein Schriftsteller wollte er sein, nicht ein Mundartdichter. Er wollte in der Schriftsprache „jemand sein“. Sein begehrtes Ziel war, dass seine Lyriksammlung „Gedichte“ bei Cotta in Stuttgart erscheinen sollte, dem Verlag, in dem auch Goethes Werke erschienen waren. Dass er seine dichterische Ausdruckskraft in der Hochsprache weit überschätzte, ist ihm wohl nicht deutlich bewusst geworden.
Es ist vielleicht unmöglich, eine besondere Ausdrucksstärke in einer Sprache zu erreichen, in die man nicht geboren wurde. Und groß geworden war Franz Stelzhamer, als Bub vom Land, in Großpiesenham bei Pramet. Und daher hat er seinen unbestreitbar hohen Intellekt am eindrucksvollsten in der Heimatsprache zur Geltung gebracht. Die ersten beiden Strophen von „Der oanschichti Mensch“ sollen das zeigen:
Mein Freundschaft is gstoribn,
Mein Feindschaft begrabn
Und die andern Leut wolln
Mit oan’ ehnter nix haben.
Mih grüaßt neamd, mi pfüat’ neamd,
Wor ich kim oder geh,
Neamd freuts’s, neamd bedauert’s,
Is ma wohl oder weh.
Zum Vergleich, aus seinem hochdeutschen Schaffen, die ersten Strophen von „Liebesstrahl“:
Eh noch der Liebesstrahl Sich in mein Herze stahl,
Durchglühte wohl mit reger Lust
Gar mancherlei die junge Brust.
So liebte ich vor allen Dingen:
In muntrer Schaar bei Becherklange
Dem Traubengotte Preis zu singen
In dithyrambischen Gesange,
Eh noch der Liebesstrahl
Sich in mein Herze stahl.
Welch ein Unterschied! Um beim „hochdeutschen“ Stelzhamer zu bleiben, sei auf sein dreibändiges Werk „Prosa“, das 1845 bei Manz in Regensburg erschienen war, hingewiesen. Der erste Band trägt den Untertitel „Mein Gedankenbuch“. Es enthält eine umfangreiche Aphorismensammlung, die seine Meinung über die Menschen und seine Lebenserfahrung widerspiegeln. Daraus ein paar Zitate:
„Das Ansprechen setzt immer in größere Unbequemlichkeit und Verlegenheit, als das Angesprochenwerden; daher suche dir’s im kleinen wie im größeren Leben so einzurichten, daß du mehr mußt angesprochen werden.“
„Samson erschlug mit dem Eselskinnbacken einst 500 Philister. Jetzt ist es umgekehrt: fast täglich ziehen 500 Philister mit ihren Eselskinnbacken gegen Einen geistigen Samson zu Felde.“
„Ich meine, wer nur die Staatskunst der Horniße, Wanderheuschrecken, Bienen, vorzüglich aber der Ameisen im Kopfe hätte, derselbe müßte die unsere bequem in den zwei kleinen Fingern bewahren.“
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Autor Heinz Forstinger über sich selbst:
Mitte des Zweiten Weltkrieges geboren, war meine Kindheit noch eingebettet in eine anspruchslose Welt. Das „Mitreisen“ am Ende des Wiesbaumes eines Pferdefuhrwerks war für Buben deshalb spannend, weil so mancher Kutscher das mit seiner Peitsche verhindern wollte. Barfußgehen war in den Monaten ohne „R“ Freizeit-Alltag; die blutig aufgeschlagene große Zehe schmerzhafte Folge davon. Schweineschmalz und dürftiger Verband dienten der Desinfektion und als Heilsalbe.
Lesen war, neben den verschiedenen Kinderspielen, die ja immer im „Rudel“ stattfanden, das Futter für die Fantasie. Den Berufsalltag bis zur Pensionierung habe ich in einer Bank verbracht – pflichtbewusst. Mit vierundzwanzig Jahren heiratete ich, wissend, nach Schiller (Die Bürgschaft), dass „Treue kein leerer Wahn“ sei. Drei Kinder haben mit fünf Enkeln (bis jetzt) die Familie vergrößert.
Meine Freizeit fülle und füllte ich „randvoll“ mit Naturkunde und Lesen. Dabei hat es mir besonders Franz Stelzhamer angetan, der mehr zu bieten hat als „Müadal“, „Kerschbam“ und „Högl“.








